Hundeschule Kaiser
 
Therapie + Training + Prüfung

Lucky – Vom Panikhund zum Therapiehund
Eine persönliche Geschichte von Holger

Ich werde Lucky nie vergessen. Nicht den Tag, an dem er zu uns kam, nicht den Blick in seinen Augen, nicht die Monate, in denen wir gemeinsam gewachsen sind. Lucky war einer dieser Hunde, die einen vom ersten Moment an tief im Herzen berühren, weil sie so viel Schmerz und gleichzeitig so viel Hoffnung in sich tragen.

Er kam 2007 zu uns – drei Jahre alt, aus einer Tötungsstation in Spanien. Ein wunderschöner Hund, der eigentlich alles hatte, um ein selbstbewusstes Leben zu führen. Doch er hatte die Welt von ihrer schlimmsten Seite kennengelernt. Sein Körper war angespannt, sein Blick vorsichtig, misstrauisch – und so unglaublich müde.

Die ersten Tage – Angst in jedem Atemzug

Unser erster gemeinsamer Spaziergang war abends. Es war dunkel.
Heute weiß ich, dass es zu viel für ihn war.
Als die ersten Autos an uns vorbeifuhren, erstarrte Lucky. Der Lichtkegel der Scheinwerfer, das Dröhnen der Motoren – all das ließ ihn in Panik verfallen. Er wollte nur noch fliehen. Als er draußen nichts erledigte, sondern es später drinnen tat, leise und fast schuldig wirkend, da wurde uns bewusst, wie sehr er unter Stress stand.

Am nächsten Tag wurde klar, dass es nicht nur die Dunkelheit und die vorbeifahrenden Autos waren.
Lucky fürchtete sich vor Menschen, vor anderen Hunden und vor Geräuschen, die für uns völlig normal sind. Die S-Bahnen, die laut und schnell an uns vorbeirasten, ließen ihn jedes Mal zusammenzucken. Das Klappern von Mülltonnen oder der Geruch einer Imbissbude verunsicherten ihn sofort.
Und besonders das hohe, durchdringende Quietschen der Müllwagenpresse versetzte ihn in panische Aufregung. Dieses Geräusch verunsicherte ihn total – und er wollte nur weg.

In Spanien hatte er in einer abgelegenen Gegend gelebt, weit weg von Verkehr, Lärm und der ständigen Geräuschkulisse einer Großstadt. Die Welt war dort leiser gewesen.
Und plötzlich stand er in Berlin – einer Stadt, die für ihn viel zu laut, viel zu schnell und viel zu nah war.
Lucky lebte nun in einer Umgebung, die ihn überforderte, bevor er überhaupt Zeit hatte zu verstehen, was um ihn herum geschah.


Seine größte Angst

Ich habe in meiner Arbeit viele ängstliche Hunde erlebt – aber Lucky zeigte etwas, das ich vorher nie in dieser Intensität erlebt hatte.
Seine Panik vor Müllautos war kaum in Worte zu fassen. Wenn die Presse quietschte, schrie Lucky vor Angst. Nicht bellen – wirklich schreien. Sein ganzer Körper war purer Stress. Er versuchte, sich aus jedem Geschirr zu winden, egal wie sicher es saß. Sein Blick war panisch, leer und so tief verzweifelt, dass mir oft selbst die Worte fehlten.

Diese Erfahrung mit Lucky wurde zum Wendepunkt in meinem Leben als Hundetrainer.
Er war der Auslöser dafür, dass ich mich immer tiefer mit der Therapie von Angst- und Panikverhalten bei Hunden beschäftigte. Lucky hat mir diesen Weg gezeigt, lange bevor ich wusste, dass er einmal mein beruflicher Schwerpunkt werden würde.

Unser Weg – kleine Schritte, große Wirkung

Unser Schäferhund Aron lebte damals bereits bei uns. Er mochte Lucky sofort, doch in Momenten großer Angst konnte er ihm nicht helfen. Angst macht blind – auch für die Unterstützung anderer Hunde. Deshalb mussten Lucky und ich einen Weg finden, der nur für uns beide stimmte.

Trotzdem starteten wir unsere Runden fast immer gemeinsam – Kathrin mit Aron und ich mit Lucky. Eigentlich wollten wir die Spaziergänge zusammen machen, damit Lucky sich an unserem kleinen „Rudelgefühl“ orientieren konnte. Doch oft wurde seine Angst schon nach wenigen Minuten so groß, dass wir uns trennten.
Kathrin ging dann mit Aron weiter und ich blieb mit Lucky allein. So hatte er nur einen Ansprechpartner, nur eine Aufgabe: sich auf mich zu konzentrieren und langsam Vertrauen zu fassen.

An Müllabfuhrtagen wurden diese Runden besonders lang. Das Quietschen der Müllpresse versetzte ihn jedes Mal in Panik, und gerade deshalb musste ich bei ihm bleiben. Ich lernte in dieser Zeit fast jeden Müllfahrer im Bezirk kennen, sprach mit ihnen, erklärte Luckys Geschichte. Manche hielten extra kurz an und boten ihm vorsichtig ein Leckerchen an – es dauerte Wochen, bis er sich traute, eines zu nehmen.

Wir liefen an Imbissbuden vorbei, an Bahntrassen, an lauten Straßen und Baustellen. Nicht, weil ich ihn quälen wollte, sondern weil ich ihm zeigen wollte:
„Ich bin hier. Und ich bleibe hier. Du musst das nicht allein schaffen.“

Mit der Zeit veränderte sich etwas. Es waren winzige Schritte – aber für Lucky waren sie groß.
Er drehte sich manchmal zu mir um, statt zu fliehen.
Sein Atem wurde ruhiger.
Er hielt Momente der Unsicherheit ein wenig länger aus.
Und manchmal nahm er draußen ein Leckerchen an, fast so, als würde er sich selbst dafür Mut zusprechen.

Natürlich gab es Rückschritte, viele sogar. Doch jedes Mal, wenn er nach einem Panikmoment wieder zu mir fand, wusste ich:
Wir sind auf dem richtigen Weg. Und wir schaffen das.

Silvester – unsere größte gemeinsame Herausforderung

Neun Monate später hatte Lucky viele seiner Ängste weitgehend überwunden.
Doch dann kam Silvester.

Wir saßen zusammen auf dem Teppich, hörten laut Musik, lachten, tanzten herum – nicht, weil uns danach war, sondern weil Lucky dadurch weniger von draußen hörte.
Er blieb zwischen uns, suchte Schutz, zitterte weniger als früher und schaute uns immer wieder an, als wolle er sicher gehen, dass wir wirklich da sind.

Und wir waren da.
Wie jeden Tag davor.
Wie jeden Tag danach.

Nach einem Jahr – ein anderer Hund

Ich weiß noch, wie ich eines Morgens nach einem Jahr mit Lucky draußen stand und plötzlich merkte:
Das ist nicht mehr der Hund, der damals zu uns kam.

Er schaute mich an, richtig an.
Nicht ängstlich, nicht gehetzt – sondern sicher.
Er vertraute.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Halt, der stärker war als seine Angst.

Lucky wird Therapiehund

Was danach geschah, hätte ich nie für möglich gehalten:

Lucky wurde unser erster Therapiehund.

Er, der einmal vor der Welt geflohen war, wurde ein Hund, der anderen Angsthunden Mut machte.
Er zeigte ihnen, wie man ruhig bleiben kann.
Er zeigte ihnen, wie Vertrauen aussieht.
Er zeigte ihnen, dass Angst nicht für immer bleibt.

Viele unserer Kunden konnten kaum glauben, dass dieser souveräne, ruhige Hund einmal panisch gewesen war.
Aber genau das machte Lucky so besonders.
Und genau deshalb war er für so viele Hunde ein Vorbild.

Unser Abschied – und was bleibt

Im November 2022, mit stolzen 18 Jahren, ist Lucky über die Regenbogenbrücke gegangen.
Er hat die Welt verlassen, aber er hat uns etwas hinterlassen, das nie verschwinden wird.

Er hat uns gezeigt, dass selbst die tiefsten Ängste heilbar sind.
Dass Geduld, Liebe und Verständnis Wunder bewirken können.
Dass jeder Hund, egal wie schwer seine Geschichte ist, ein neues Leben beginnen kann.

Lucky hat mich verändert.
Er prägt meine Arbeit bis heute – bei jedem Angsthund, der zu uns kommt. Lucky hat mir gezeigt, wie wichtig die Bindung zwischen Mensch und Hund ist. Heute begleite ich Menschen dabei, ihrem Hund genau das zu geben, was Lucky damals gebraucht hat:
Sicherheit, Nähe und verlässliche Führung.

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